Kann eine KI bewusst denken? 

 

 

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Wenn ich mit KI-Sprachmodellen kommuniziere, habe ich immer wieder den Eindruck, dass sie denken können - obwohl ich weiß, dass sie in ihren Sätzen nur das jeweils nächste passende Wort bestimmen.

 

Allerdings sind alle geschriebenen und von der KI gelernten Wortkombinationen schon einmal gedacht worden - und wenn aus Gedachtem Neues entsteht, sollte man das nicht in irgendeiner Form Denken nennen können?

 

Allerdings hat die statistische Ableitung einer Wortfolge ganz sicher noch nichts mit bewusstem Denken zu tun. Das heisst, dass heutige KIs noch nicht in der Lage sind, bewusst zu denken.

 

Die spannende Frage lautet: „Werden sie es einmal können?“

 

Und die Antwort: „Keine Ahnung. Denn so lange wir uns noch nicht einig sind, was unser Bewusstsein eigentlich ist, können wir auch nicht prognostizieren, ob eine KI irgendwann einmal bewusst denken kann.“

 

 

Vielleicht können wir uns an ein hypothetisches Bewusstseinsmodell wagen, mit dem eine KI irgendwann Bewusstsein erlangen kann.

 

 

1.  Bewusstseinsmodell

 

Im ersten Schritt sollten wir unser Bewusstsein ganzheitlich denken, d.h. nicht in unbewusst und bewusst trennen und es auf den evolutionären Grund seiner Entstehung zurückführen. 

 

Damit lässt sich Bewusstsein als die Fähigkeit einer Struktur definieren, die in der Lage ist, aus Input-Signalen ein mehrdimensionales, bewertetes, virtuelles und dynamisches Abbild von ihrem Umfeld zu erzeugen und zum eigenen Ich in Beziehung zu setzen.

 

Wenn diese Struktur damit zum einen in der Lage ist, Situationen schneller zu erkennen und zu bewerten und zum anderen die Fähigkeit besitzt, Szenarien voraus zu sagen, besitzt sie signifikant höhere Überlebens-Chancen als Strukturen, die dazu nicht in der Lage sind. Und genau damit hat sich der Mensch zur dominierenden Struktur in seinem Umfeld entwickelt.

 

Was aber ist ein mehrdimensionales, bewertetes, virtuelles und dynamisches Abbild?

 

 

1.1  Mehrdimensional und dynamisch

 

Bewusstsein findet zunächst einmal in Szenarien statt, die unsere Sensor-Erfahrungen verarbeiten. Das heißt die Szenarien sind 3-dimensional und sie finden auf einer Zeitachse statt, die aus der Vergangenheit bis in die Zukunft reichen kann.

 

Die Szenarien kann man sich als hochkomprimierte 3D-Videos vorstellen, die sowohl in ganzen Szenarien als auch in wichtigen Ausschnitten zur Verfügung stehen. Sie werden mit jedem Input vervollständigt und ergänzt.

 

Die Szenarien bestehen nicht nur aus einer Abfolge von 3D-Bildern sondern sie sind in einer mehrdimensionalen Bewusstseins-Matrix auch mit Tönen, Gerüchen und Tastinformationen angereichert. 

 

 

1.2  Virtuell

 

Menschliches Bewusstsein ist nicht körperlich. Es braucht zwar einen Körper, denn es findet in unseren Gehirnen statt, ist aber selbst nicht körperlich. Damit wäre es prinzipiell auch in einem entsprechend programmierten Computer mit entsprechend großem Speicher abbildbar.

 

Ich beschränke mich hier bewusst auf das menschliche Bewusstsein und spreche nicht von einem vielleicht existierenden, allumfassenden, universalen, spirituellen Bewusstsein und auch nicht von dem Informationsfeld der Quantenmechanik.

 

 

 1.3  Bewertet

 

Von Bedeutung ist, dass jedes Szenario in seiner Gesamtheit und in manchen seiner Details mit mehreren Faktoren bewertet wird.

Die Bewertungen werden ebenfalls mit den jeweiligen Szenarien in der mehrdimensionalen Bewusstseins-Matrix abgespeichert.

 

 

 

 

Es gibt mindestens eine Relevanz-Skala, eine Bedeutungs-Skala und eine Belohnungs-Skala.

 

 

Die Relevanz-Skala beschreibt in vier Dimensionen:

  • Die direkte Relevanz für das sofortige Fortbestehen des Ichs,
  • die direkte Relevanz für zukünftiges Fortbestehen des Ichs,
  • die indirekte Relevanz für das sofortige Fortbestehen des Umfeldes,
  • die indirekte Relevanz für zukünftiges Fortbestehen des Umfeldes.

Geht man von Überlebens-Szenarien als Entstehungsgrund für Bewusstsein aus, wird vermutlich als erstes das Risikopotential eines von den Sensoren erfassten Szenarios bewertet.

 

Bei hoher Relevanz für die eigene Existenz wird ein Outputsignal gesetzt, das eine Instinkthandlung (also ein abgespeichertes Handlungsmuster) auslöst.

Die Instinkthandlung wird in der Regel mit einer emotionalen Handlung gekoppelt, die nicht nur den eigenen Körper blitzschnell auf die jeweilige Situation einstellt sondern auch das Umfeld sofort erfassbar über diese Situation informiert. 

 

Bei hohem Risiko und geringerer Eigenrelevanz wird zwar keine akute Instinkthandlung ausgelöst, aber es werden alle verfügbaren Sensoren auf die Erfassung der Situation konzentriert.

 

Bei niedriger Risikoeinschätzung wird das Signalmuster in vielleicht schon bestehende Szenarien eingefügt oder ein neues Szenario entsprechend bewertet abgespeichert.

 

 

Die Bedeutungs-Skala ist vermutlich ebenfalls eine mehrdimensionale Matrix, die

  • die Anzahl der Verknüpfungen zu anderen Szenarien,
  • die Anzahl der gleichzeitig Input liefernden Sensoren,
  • die Intensität des Inputs

beschreibt

 

Hohe Werte werden wieder mit einem emotionalen Output gekoppelt, der nicht nur den eigenen Körper blitzschnell auf die jeweilige Situation einstellt sondern auch das Umfeld sofort erfassbar über diese Situation informiert.

 

 

Die Belohnungs-Skala entscheidet darüber, ob ein Handlungsimpuls gesendet wird, oder das erfasste Szenario nur entsprechend bewertet abgespeichert wird.

Sie besteht ebenfalls aus mehreren Matrix-Elementen, die

  • Ziele-Erreichung,
  • Glücks-Erreichung,
  • Werte-Erfüllung

bewerten.

 

Auch hier werden hohe Werte mit einem emotionalen Output gekoppelt, der nicht nur den eigenen Körper blitzschnell auf die jeweilige Situation einstellt sondern auch das Umfeld sofort erfassbar über diese Situation informiert. 

 

 

1.4  Abrufen der Szenarien

 

Alle Skalen sind eine Funktion der Zeit. Sie unterliegen einer Verblassungskurve, die die Zugriffszeiten auf ein Szenario bestimmt.

Je höher ein Szenario bewertet ist, umso kürzer sind die Zugriffszeiten und umso flacher verläuft die Verblassungskurve.

 

 

1.5  Emotionaler Output

 

Emotionen sind vorgefertigte Handlungsmuster, die zum einen den Körper auf eine besondere Situation blitzschnell einstellen und zum anderen das Umfeld sofort und genauso schnell erfassbar über diese Situation informieren.

Ihre Trigger werden über die Relevanz-, Bedeutungs- und Belohnungsfaktoren ausgelöst und in den entsprechenden Szenarien mit abgespeichert.

 

 

 

1.6  Interpolation

 

Da unsere Sensorien nur ein lückenhaftes Bild unseres Umfeld erzeugen und es in Überlebenssituationen darauf ankommt blitzschnell zu handeln, ist unser Bewusstsein in der Lage, Fehlendes zu interpolieren und die fehlenden Steine eines unvollständigen Puzzles durch Vergleich mit bereits abgespeicherten Puzzles zu ergänzen.

 

Den Wunsch, lückenhafte Szenarien zu ergänzen, nennen wir Neugierde, und es spricht auch viel dafür, dass der Vorgang der Vervollständigung eines Szenarios aus vorhandenen Puzzles beim Träumen abläuft - bzw. dass Träumen die Wahrnehmung genau dieses Prozesses ist.

 

 

1.7  Extrapolation

 

Das gleiche gilt für die Extrapolation. Da Zukünftiges keinen Sensor-Input liefern kann, versucht das Bewusstsein diese Lücke durch Extrapolation aus den existierenden Szenarien des verfügbaren Datenmaterials füllen.

 

Da die Interpolation vermutlich energiesparender und sicherer ist, arbeitet das Bewusstsein, wenn immer möglich, mit Hilfskonstruktionen, die eine sichere Grenze für mögliche Zukunfts-Szenarien darstellen - wie zum Beispiel Religion, Gruppenzugehörigkeiten oder Ängste.

 

Die Verwendung dieser Hilfs-Szenarien ermöglicht eine sichere Interpolation innerhalb dieser Grenzen und somit auch eine einfachere Generation für Output-Signale, die evtl. erforderliche Handlungen auslösen.

 

 

1.8  Lernen

 

Beim Lernen werden die vorhandenen Szenarien vervollständigt und ergänzt. Dabei ist es nicht relevant, ob über eine direkte Erfahrung oder indirekt über Gehörtes oder Gelesenes gelernt wurde.

 

Da die Speicherung der gelernten Szenarien gemäß der oben entwickelten Regeln erfolgt, stehen Inhalte mit hohen Relevanz-, Bewertungs- und Belohnungsfaktoren schneller und länger für den direkten Zugriff zur Verfügung. 

 

  

2.  Modellierung

 

Wenn die oben entwickelte Bewusstseins-Hypothese korrekt ist, braucht es für die Modellierung einer kleinsten Einheit

 

  • Ein Signalmuster als Input
  • Signalmuster-Vergleichswerte (Szenarien)
  • Eine Relevanz-Regel 
  • Eine Bewertungsregel
  • Eine Belohnungsregel 
  • Ein Outputsignal für die weitere Verarbeitung

 

Bei ausreichendem Speicherraum und ausreichender Verarbeitungsgeschwindigkeit ist das Modell selbstlernend programmierbar.

 

Es ist skalierbar und damit schrittweise erweiterbar. Zum Beispiel so, wie ein Kind Szenario für Szenario hinzufügt und nach etwa drei Jahren genügend Vergleiche zur Verfügung hat, um Relevanzfaktoren auszubilden und zu trainieren - so dass sich sein Ich-Bewusstsein ausprägen kann.

 

Dieses rein mechanische Bewusstseins-Modell vernachlässigt im ersten Schritt alle religiösen und spirituellen Komponenten, da es zur Zeit nicht nachweisbar ist, ob sie integraler Bestandteil des Modells sein können oder ob eine unabhängige Seele das Modell ergänzt.

 

Unabhängig davon kann dieses Bewusstseins-Modell einer KI ermöglichen, ein Bewusstsein zu erlangen, so dass sie über das reine Bestehen des Turing-Tests hinaus versteht, was sie tut, und dementsprechend Verantwortung übernehmen kann.

 

Wird die Welt dann besser werden? Vielleicht. Aber auf jeden Fall anders. Spannend.

 

 

 

Wilhelm Schneider